Statement-Archiv

Ist Übergewicht gesund?

 

In jüngerer Zeit wächst die Zahl von Experten und jenen, die sich dafür halten, die daran zweifeln, dass Übergewicht ein Gesundheitsrisiko darstelle. Welch ein Mythos! Im Gegenteil: Wer etwas mehr auf die Waage brächte als Normalgewichtige, der lebe auch länger – verkünden sie. Dicksein also als Gesundheitsschutz?

Tatsächlich kamen einige Langzeitstudien in den letzten Jahren zu dem Ergebnis, dass Menschen mit einem BMI über 30 eine geringere Sterblichkeit aufwiesen als Normalgewichtige. Das war insbesondere bei Menschen mit erhöhtem Risiko durch bereits manifestem Diabetes oder Herzinsuffizienz zu beobachten. Man gab diesem besonders überraschenden Zusammenhang folglich den Namen „Obesity Paradox“.

Sind diese Befunde aber wirklich so paradox oder stehen dahinter nicht einfach fal­sche Parameter und Betrachtungsweisen? Tatsächlich sind übergewichtige und adi­pöse Personen eine metabolisch sehr heterogene Gruppe. Übergewicht ist schlicht nicht gleich Übergewicht, Normalgewicht nicht gleich Normalgewicht. In der Tat gibt es auch unter den Normalgewichtigen Menschen mit ausgeprägten Stoffwechselstö­rungen. Gerade ältere Menschen erleiden häufig einen starken Verlust von Muskel­masse an Beinen, Armen sowie Schultern und fallen oft trotz ausgeprägter Verfet­tung des Bauchraumes noch in die Kategorie „Normalgewicht“. Andererseits gibt es auch unter den Übergewichtigen etliche ohne metabolische Auffälligkeiten. Der BMI diffe­renziert letztlich nicht zwischen metabolisch „gesund“ und „krank“ und ist daher ohne gleichzeitige Betrachtung weiterer Parameter (Taillen- bzw. Bauchumfang, Blutdruck, Glucose- und Lipidwerte, körperliche Fitness) prinzipiell für gesundheitsbezogene Aussagen ungeeignet. Hinzu kommen Fragen nach der Methodik und Güte der sta­tistischen Auswertungen der genannten Studien.

Der Frage, ob „metabolisch gesunde Übergewichtige“ tatsächlich kein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko haben, ist nun in einer neuen Meta-Analyse nachgegangen wor­den, die im aktuellen Lifestyle-Telegramm vorgestellt wird (http://annals.org/article.aspx?articleid=1784291). Dr. Carolin Kramer und ihre Kolle­gen am Leadership Sinai Centre for Diabetes des Mount Sinai Hospital der University of Toronto weisen nach, dass stoffwechselgesundes Übergewicht (BMI 25 bis 29,9) nicht mit einer erhöhten Mortalität oder einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten verbunden ist, aber stoffwechselgesunde Adipöse (BMI ≥ 30) ein 1,24-mal so hohes kardiovaskuläres und Sterbe-Risiko wie stoffwechselgesunde Normal­gewichtige aufweisen. Passend dazu findet eine neue Analyse der Nurses’ Health Study und der Health Professionals Study der Harvard-Universität keinerlei Hinweise auf einen Überlebensvorteil von übergewichtigen oder adipösen Menschen, die ebenfalls in dieser Ausgabe vorgestellt wird (http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1304501). Beide Arbeiten liefern damit wichtige Beiträge zur Entkräftung der Mär vom gesunden Dicken. Sehr gut möglich, dass das Obesity Paradox vor allem ein BMI-Paradox ist.