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Prof. Dr. Nicolai Worm: Täglicher Kaffeegenuss – lieber doch!

 

Dem Genuss frönen, ist in der Ernährungsmedizin höchst verdächtig. Kann nicht gesund sein! Dem Kaffee wurde Jahrzehnte lang übel nachgestellt. Höchstens 2 bis 3 Tässchen pro Tag und am besten den „kastrierten“. Zuerst war es die Blutdrucksteigerung, dann das Herzklopfen und schließlich der Anstieg von Cholesterin und Homecystein im Blut von „kaffeeversetzten“ Probanden, das im Verdacht stand. Das sind Risiken, zumindest Risikofaktoren – wenn nicht gar eine Ursache für Herzinfarkt, so warnten viele Mediziner.

Ein beliebtes „Aufklärungs“-Szenario: Man nehme einen einfach zu messenden Blutwert, der bei Krankheiten typischerweise vermehrt auftritt und überprüfe, ob er durch den Konsum von X oder Y innerhalb einer absehbaren Zeit beeinflussbar ist. Steigt X oder Y an, ist die Schlussfolgerung klar: X oder Y ist die Ursache der Erkrankung und umgekehrt schützt natürlich eine Minderung von X oder Y vor dieser Krankheit! Wahre Prävention! Hunderte mal ist das an der ehrfürchtigen, unwissenden Bevölkerung erprobt worden. Und Hunderte Trugschlüsse wurden verbreitet.

Denn wenn man wissen will, ob regelmäßiger Kaffeekonsum einen direkten Einfluss auf eine Krankheitsentstehung hat, muss man genügend viele Kaffee-Trinker über genügend lange Zeiträume beobachten und abwarten, bis genügend von Ihnen tatsächlich die Krankheit entwickelt haben. Dann erst kann man überprüfen, ob in Abhängigkeit der täglichen Dosis ein vermehrtes Auftreten dieser Erkrankung nachzuweisen ist, wobei möglichst alle bekannten Einflussfaktoren aus dem Lebensstil zu berücksichtigen sind.

In diesem November-Lifestyle-Telegramm werden drei neue Arbeiten zum Einfluss von Kaffeekonsum auf wichtige Krankheiten vorgestellt. Sie weisen aus, dass der regelmäßige Konsum von koffeinhaltigem Kaffee das Risiko für die Entwicklung einer nichtalkoholischen Fettleber (NAFLD) senkt.1 Da die NAFLD ein gravierendes Risiko, wenn nicht der wichtigste zu Grunde liegende Mechanismus für Gefäßerkrankungen ist, sollte nicht verwundern, dass regelmäßiger Kaffeegenuss auch das Risiko für die Entwicklung vor Herz- und Hirninfarkt signifikant senkt.2  Aus der NAFLD kann sich auch eine Leberentzündung und Leberzirrhose entwickeln. Dann ist der Schritt zum Leberkrebs oder zum Leberversagen nicht mehr weit. So ist es beruhigend, dass regelmäßiger Kaffeekonsum auch das Risiko für die Entwicklung einer Leberzirrhose mindert.3

Wodurch der Kaffee diese offenkundigen Schutzeffekte ausübt, ist noch nicht geklärt. Verschiedene Inhaltstoffe der gerösteten Bohne stehen zur Diskussion. Auf alle Fälle kann man Kaffeeliebhabern nun wohl mit gutem Gewissen die Nachricht übermitteln, dass 2 oder 3, aber auch 4 oder 5 Tassen über den Tag verteilt kein gesundheitliches Problem darstellen – vorausgesetzt man verträgt es, wobei erfahrungsgemäß der Espresso den meisten am besten bekommt. Der bekannte Blutdruckanstieg tritt vor allem bei gelegentlichem Konsum auf. Bei regelmäßigem Kaffeegenuss treten infolge eines Gewöhnungseffektes diese Blutdruckanstiege nach 2-3 Wochen nicht mehr auf oder fallen geringer aus. Allerdings sollten Personen, die unter bedenklichen Herzrhythmusstörungen leiden, beobachten, ob durch den Kaffeekonsum diese Störungen verstärkt auftreten und gegebenenfalls auf Kaffee verzichten bzw. auf entkoffeinierten umsteigen.

1 http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jgh.12422/abstract
2 http://circ.ahajournals.org/content/early/2013/11/07/CIRCULATIONAHA.113.005925.abstract
3 http://scm.sagepub.com/content/58/4/217.abstract