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Ein Gläschen Wein darf sein

 

In der Ernährungsmedizin gibt es neben der „Fleischfrage“ wohl kein anderes Thema, um das so erbittert gestritten wird, wie über die gesundheitliche Bedeutung des Alkoholkonsums. In höheren Mengen wirkt er zweifelsfrei als Gift, beinhaltet ein Suchtpotenzial und ist mitverantwortlich für viel Kummer und Leid auf der Welt. Doch wie Paracelsus bereits wusste, ist es immer eine Frage der Dosis, ob etwas zu Gift wird.

Tausende Studien sind in den letzten Jahrzehnten durchgeführt worden, um den Effekt des Alkoholkonsums auf die Gesundheit der Menschen zu erforschen. Die Mehrzahl der epidemiologischen Untersuchungen zeigen insbesondere im kardiometabolischen Bereich Vorteile für leichten bis moderaten Konsum: Das Risiko für metabolisches Syndrom, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen ist niedriger als bei Abstinenz. Dabei haben immer wieder die Weintrinker besser abgeschnitten als Bier- und Spirituosen-Liebhaber. Eine Vielzahl von Stoffwechselstudien hat dabei den „Schutzeffekt“ des moderaten Genusses plausibel erklärt, denn in niedriger Dosis entfaltet der Alkohol günstige Effekte auf den Fett- und Zuckerstoffwechsel und mindert die Thrombose- und Entzündungsneigung im Körper. Und die vielen Wein-Inhaltsstoffe lösen auch noch weitere immunologisch und metabolisch vorteilhafte Effekte aus. Immer wieder zeigte sich dabei, dass die akzeptable Dosis bei Frauen geringer ist als bei Männern, was nicht nur durch den langsameren Abbau des Alkohols bedingt ist, sondern auch durch ihr typischerweise geringeres Blutvolumen. Wer dagegen unmoderat trinkt, muss mit zahlreichen kontinuierlich steigenden Risiken rechnen – vor allem im Krebsbereich (Mund-, Gaumen-, Kehlkopf-, Speiseröhren-, Brust- und Darmkrebs).

Die beiden weltweit bekanntesten Langzeitstudien zum Einfluss des Lebens- und Ernährungsstils auf die Gesundheit von Frauen sind die Nurses’ Health Study I und die Nurses’ Health Study II, die seit Jahrzehnten an der Harvard-Universität in Boston durchgeführt werden. Die Forscher haben soeben im American Journal of Public Health alle wesentlichen Ergebnisse zum Einfluss des Alkoholkonsums zusammengefasst und dabei die Risiken gegen die Vorteile abgewogen. Im aktuellen lifestyle-telegramm wird diese Veröffentlichung vorgestellt.
http://ajph.aphapublications.org/doi/abs/10.2105/AJPH.2016.303336?url_ver=Z39.88-2003&rfr_id=ori%3Arid%3Acrossref.org&rfr_dat=cr_pub%3Dpubmed
Die Quintessenz: Ein Gläschen an mindestens drei Tagen der Woche ist für viele Aspekte und nicht zuletzt bezüglich der Gesamtsterblichkeit die sinnvollste Variante.

Passend zum Thema haben wir noch eine neue Arbeit einer niederländischen Arbeitsgruppe aus der Universität von Wageningen vorgestellt. http://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/10408398.2013.841118?journalCode=bfsn20
Deren Literaturanalyse lässt den Schluss zu, dass Weintrinker vielleicht nicht nur wegen der berühmten Polyphenole bzw. sekundären Pflanzenstoffe oft günstiger abschneiden als Bier- und Spirituosen-Liebhaber, sondern weil sie offenbar auch einer sehr viel gesünderen Ernährung nachgehen.

Das Mittelmeer lässt grüßen...